Forschungsprojekte

1. Die Wasserversorgung der seleukidischen Festung auf dem Karasis/Türkei

2. Römische Infrastruktur am Golf von Neapel

3. Der längste Tunnel der Antiken Welt

4. Aquädukt der Wasserleitung zur römischen Colonia Ulpia Traiana in Xanten aus der Luft entdeckt

5. Weitere Forschungsprojekte

     Die Wasserversorgung der seleukidischen Festung auf dem Karasis/Türkei

Übersicht

Das 1026 m hohe Karasis-Massiv liegt 10 km nördlich der Stadt Kozan am Rand des Adana-Beckens im antiken Kilikien. Der Ausläufer des Taurus-Gebirges erhebt sich etwa 700 m über seine Umgebung. Bis auf einen schmalen Korridor auf der Ostseite und ein Felsband im Westen verhindern schroffe Wände den Aufstieg. Den Gipfelblock bildet ein 350 m hoher, verkarsteter jurassischer Kalkstein, der auf kreidezeitlichem Tonstein als Wasserstauer aufsitzt. Quellen unterhalb dieses Horizonts ermöglichen eine bescheidene Landwirtschaft, während der Gipfelbereich vollkommen wasserlos ist. Der mittlere Niederschlag von etwa 700 mm pro Jahr fällt von Oktober bis März und führt auf dem hoch durchlässigen Karst zu keinem nennenswerten Oberflächenabfluss.

Der Bau der 19 ha großen, erst 1996 entdeckten Festung (Bild 1) entstand in seleukidischer Zeit (2. Jh. v. Chr.). Über ihre Nutzung ist nichts bekannt. Denkbar wäre die Festung als Repräsentationsbau mit sporadischer Anwesenheit von Militär, mit dem die seleukidischen Herrscher Präsenz zeigen wollten. Nach dem Niedergang des Seleukidenreichs um 100 v. Chr. scheint die Festung aufgelassen worden zu sein. Eine Nachnutzung hat es nie gegeben, Zerstörungen sind kaum feststellbar. Da auch der Verfall nur langsam voranschreitet, ist die Anlage in einem bemerkenswert guten Zustand.

Der Gebäudekomplex wurde in mehreren Kampagnen vom Deutschen Archäologischen Institut Istanbul dokumentiert. Dabei hat unser Mitglied Prof. Dr.-Ing. Mathias Döring (Darmstadt) den wasserbaulichen Teil übernommen, bestehend aus:
- Dokumentation und wasserwirtschaftliche Beurteilung von zehn Zisternen,
- Beurteilung der langfristigen Speicherung von Wasser nach Umfang und Qualität
- sowie bauliche und wasserwirtschaftliche Beurteilung einer Quellfassung.

Karasis-Unterburg

Bild 1: Die Karasis-Unterburg mit ihren bis zu 15 m hohen Türmen aus Polygonalmauerwerk

Bauwerke und Zisternen

Alle Bauwerke, bestehend aus der „Unterburg“ in 900 m Höhe (Bild 1), der 120 m darüber gelegenen „Oberburg“, zahlreichen Nebengebäuden und der 2,2 km langen Um- fassungsmauer, befinden sich auf dem Gipfelkamm des Karasis. Bereits der Bau der Festung dürfte mit erheb- lichen logistischen Schwierigkeiten verbunden gewesen sein, deren Hauptproblem die Wasserversorgung der Bau- leute war. Dass von Anfang an Wassermangel herrschte, zeigen die mit Ausnahme der Zister- nen ohne Mörtel in Polygonaltechnik aus Kalkstein errichteten Mauern.

Die größte Zisterne mit rd. 900 m³ Inhalt versorgte die Unterburg, die übrigen neun Reservoirs mit zusammen 2200 m³ Inhalt die Oberburg (Bild 2). Alle Zisternen dienten der Speicherung von Regenwasser, ergänzt möglicherweise durch Quellwasser, das aus einer 300 m tiefer gelegenen Quelle hinaufgeschafft wurde. Sechs Zisternen sind in den verkarsteten Kalkfels einge- lassen, vier ganz oder teilweise gemauerte Becken.

Karasis-Zisterne
Karasis-Dichtungsputz

Bild 2 (Links):

Dokumentation einer Zisterne
der Oberburg

 

Bild 3 (Mitte):

Mehrschaliger Dichtungsputz in einer Zisterne der Oberburg

 

Der Wandaufbau der Becken besteht aus mehrschaligem Mauerwerk in Mörtelbettung mit einer dazwischen liegenden Füllmasse aus Kalkmörtel und gebrochenem Zuschlagstoff, die wegen ihrer sehr unterschiedlichen Zusammensetzung als Dichtung ungeeignet war. Partien mit dichtem Gefüge, gut abgestuftem Korngemisch und ausreichendem Bindemittelgehalt wechseln mit grob durchlässigem Material ab, das wenig Kalk und kaum Feinkorn enthält. Hydraulische Zusätze im Bindemittel wurden nicht, mehrschaliger Dichtungsputz lediglich in Fragmenten gefunden (Bild 3). Er dürfte jedoch mangels hydraulischer Zusätze seinen Zweck nur unvollkommen erfüllt haben. Ein statischer Nachweis ergab, dass die frei stehenden, rd. 2,50 m dicken Wände bis zu Wassertiefen zwischen 2,60 und 4,25 m standsicher waren.

Für die schlechte Verfassung der Zisternen kommt neben Witterungseinflüssen, Erdbeben, Alterung und Baumängeln auch die Möglichkeit in Betracht, dass der Bau zumindest teilweise unvollendet blieb.

Die 300 m tiefer gelegene Quelle am Westfuß des Berges diente zumindest während der Bauzeit der Wasserversorgung der Festung. Die Quellfassung wurde in offener Baugrube errichtet, mit einem Gewölbe abgedeckt und entspricht der Bauweise des „hellenistischen Stufenbrunnens“.

Ergebnisse

Als Ergebnis der Forschungen konnte festgestellt werden:

Die Zisternen auf dem Karasis waren ohne den notwendigen hydraulischen Dichtungsputz für die Wasserversorgung nicht oder nur sehr eingeschränkt geeignet.
  -  Einige Reservoirs sind nur im Rohbau fertig gestellt worden.
  -  Die Quellfassung hätte zur Versorgung einer nicht allzu großen Garnison ausgereicht.

Literatur

Döring, M.: Die Zisternen auf dem Karasis. Istanbuler Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts Istanbul, 57/2007, S. 430-434.

Römische Infrastruktur am Golf von Neapel

Übersicht

Die Phlegraeischen Felder (griech. „brennende Erde“) am Golf von Neapel waren in der späten römischen Republik und frühen Kaiserzeit neben Rom das wichtigste wirtschaftliche, militärische und gesellschaftliche Zentrum Italiens. Von Cuma, der ersten griechischen Stadt auf dem italienischen Festland, ging vor 500 v. Chr. die Gründung Neapels (nea polis = neue Stadt) aus. Puteoli (das heutige Pozzuoli) war bis zum Beginn des 2. Jhs. n. Chr. der wichtigste Hafen Italiens, über den der gesamte Orienthandel und die Getreideimporte für die Hauptstadt Rom abgewickelt wurden. Baia galt als der mondänste Badeort des Landes und in Misenum lag eine der beiden römischen Mittelmeerflotten (Bild 1). Eine solche Region mit den Bedürfnissen einer Großstadt war ohne eine leistungsfähige Infrastruktur nicht lebensfähig.

So finden sich hier ein überregionales Wasserversorgungssystem mit Reservoirs aller Größen, Handels- und Marinehäfen sowie ein dichtes Straßennetz mit bemerkenswerten Tunnelbauten. Der leicht zu bearbeitende und trotzdem standfeste Tuff erlaubte es, viele der Bauwerke unter die Erde zu verlegen, was ihren guten Erhaltungszustand erklärt. Die auf den Vulkanismus zurück- zuführende langsame Hebung und Senkung des Landes um bis zu 16 m (Bradysismus) ließ viele antike Bauten unter die Meeresoberfläche absinken.

Während Pompeji oder Herculaneum seit über 200 Jahren Ziel von Bildungsreisenden und Archäologen sind, sind die ver- steckten Wasser- und Verkehrsbauten der Phlegraeischen Felder weitgehend unbeachtet.

Misenum-Hafen

Bild 1:

Der Hafen von Misenum. In der Halbinsel rechts sind die beiden Tunnel erkennbar, die die Versandung des Hafens verhindern sollten.

Projekt

In mehr als 10 Kampagnen hat unser Mitglied Prof. Dr. Mathias Döring (Darmstadt) den größten Teil der Wasser- und Verkehrsbauten vermessen und dokumentiert. Dazu gehörten zwei Aquädukte, 10 große Zisternen, ebenso viele Straßentunnel sowie einige Häfen. Erstmals konnten die funktionalen und wirtschaftlichen Zusammenhänge an Hand des örtlichen Befundes sowie von Literatur- und Archivdaten aus Neapel, Caserta und Rom rekonstruiert werden. Neue Abschnitte des Serino-Aquädukts wurden gefunden und bisherige Fehleinschätzungen revidiert, die durch Jahrhunderte in der Literatur mitgeschleppt worden waren. Für diese Arbeiten wurde Prof. Döring in Neapel der Theodor-Mommsen-Preis verliehen.

Wasserversorgung

Das Wasser für die meisten großen Zisternen lieferte der im 1. Jh. v. Chr. fertig gestellte 110 km lange und überwiegend unterirdisch verlaufende Serino-Aquädukt. Schwierigkeiten bereitete die Rekonstruktion des Gefälles und damit des Abflusses, weil sich seine Höhenlage infolge des Bradysismus seit der Antike erheblich verändert hat. Der Aquädukt endet in der „Piscina Mirabilis“ bei Misenum, mit 11.700 m³ Fassungsvermögen eine der größten Zisternen der Antike (Bild 1). Hauptabnehmer des Wassers war die Marine. Die nahe gelegene „Grotta Dragonara“ (7.700 m³), ein 70 x 70 m großes Tunnelsystem (Bild 2), versorgte mehrere Fischbecken der Villa des Lucullus. Eine zweistöckige Zisterne für 3.000 m³ im nahen Bacoli lieferte Wasser an eine Villa des Politikers Hortensius, zwei Zisternen mit 2.000 m³ befinden sich in Cuma, drei weitere mit zusammen 8.200 m³ in Pozzuoli.

Misenum-Grotte

Bild 2 (oben): Die Grotta Dragonara, ein Tunnelsystem zur Speicherung von 7.700 m³ Wasser

Bild 3 (rechts): Die „Crypta Romana“, ein römischer Tunnel unter der Akropolis von Cuma.

Misenum-Crypta Romana

Straßentunnel

Mit der wachsenden Bedeutung der Region entstand um die Zeitenwende ein dichtes Straßennetz, das sich durch mehrere bemerkenswerte Tunnel auszeichnet. So die je 700 m lange „Crypta Neapolitana“ und die „Grotta Seiano“ zwischen Neapel und Pozzuoli, weitere bei Baia und Quarto sowie zwischen dem Averner See und Cuma. Deren längste, die 900 m lange „Grotta Cocceio“, und die 270 m lange „Crypta Romana“ sind so großzügig bemessen, dass ganze Schiffe von den Werften am Averner See zum Hafen von Cuma transportiert werden konnten (Bild 3).

Häfen

Am inneren der beiden Hafenbecken von Misenum befanden sich Werften, Arsenale und Kasernen, im äußeren befanden sich Liegeplätze für etwa 80 Schiffe. Der Hafen war durch zwei –heute unter Wasser liegende– Molen aus römischem Beton („Opus Caementicium“) geschützt. Weil dadurch die Durchströmung des Hafens behindert wurde und Versandung drohte, wurde die Halbinsel Punta Penata mit zwei Tunneln durchstoßen, die bis heute erfolgreich für den Wasseraustausch sorgen. Eine 400 m lange Mole schützte auch den Hafen von Pozzuoli, weitere Molen die Häfen von Nisida und am Posillip. Am Averner See unterhielt die Marine im 1. Jh. v. Chr. den „Portus Julius“, der jedoch wegen zu geringer Fahrwassertiefe nach kurzer Zeit aufgegeben wurde.

Literatur

Döring, M: Wasser für den Sinus Baianus. Antike Welt, 3/2002, S. 305-319; Römische Häfen und Tunnelbauten der Phlegraeischen Felder, Schriften der DWhG, 2/2003, S. 35-53;

I Campi Flegrei. Opere d’ingegneria idraulica in periodo romano. Bollettino di Gruppo Archeologico Flegreo, 2005, p. 7-31, Quarto/Napoli; Römische Aquädukte und Großzisternen der Phlegräischen Felder. Schriften der DWhG 9, 2007, S. 1-87;

Römische Häfen, Aquädukte und Zisternen in Campanien. Bestandsaufnahme der antiken Wasserbauten. Mitteilungen des Instituts für Wasserbau der Technischen Universität Darmstadt, 142/2007, S. 1-197.

Der längste Tunnel de Antiken Welt

Übersicht

Bis ins 1. Jh. v. Chr. versorgte sich die 550 m über dem Tiberias-See im Norden Jordaniens gelegene Stadt Gadara (das heu- tige Umm Qais) aus Zisternen und Quellen. Nach 64 v. Chr. setzte mit der römischen Eroberung ein lebhafter Aufschwung mit Bevölkerungszuwachs ein, in deren Folge ein unterirdischer Aquädukt (heute „Qanat Turab“ genannt) zur 12 km entfernten Quelle Ain Turab gebaut wurde, der, da er alle Täler umgehen musste, 22 km lang wurde.

Der Besuch Kaiser Hadrians (129/130) scheint einen weiteren wirtschaftlichen Anschub bewirkt zu haben, der nicht nur zu einer Vergrößerung der Stadt, sondern auch zum Bau von Bädern, Nymphäen und Wasserspielen führte. Dafür genügte die Schüttung der Ain Turab nicht mehr. Am Ende des 1. Jhs. scheint man sich daher zum Bau eines zweiten, später „Qanat Fir’aun“ („Wasserleitung des Pharaos“) genannten, etwa 170 km langen Aquädukts entschlossen zu haben, dessen ca. 106 km langer unterirdischer Abschnitt eines der bedeutendsten Ingenieurbauwerke der römischen Antike werden sollte

(Bild 1)

Den Nachweis und die Entdeckung der Zusammenhänge dieses Tunnelsystems in dem 400 km² großen unübersichtlichen Gelände hat sich unser Mitglied Prof. Dr.-Ing. Mathias Döring (Darmstadt) zur Aufgabe gemacht. In Zusammenarbeit mit dem German Protestant Institut Amman (GPIA) sowie unseren Mitgliedern Jens Kleb, Patrick Keilholz, Benjamin Heemeier, Mourad Boutlilis und Rudolf Friedrich sowie Studierenden aus Darmstadt, Lübeck und Clausthal-Zellerfeld hat er seit 2005 in fünf mehrwöchigen Kampagnen das Bauwerk weitgehend dokumentiert.

Längster Tunnel der Antike-Karte

Bild 1: Der ca. 170 km lange Qanat Fir’aun beginnt in Syrien, verläuft bis über Adra’a hinaus oberirdisch und im heutigen Jordanien auf etwa 106 km Länge in einem Tunnel.

Hypothese

Die Nachforschungen begannen an einem bis dahin wenig beachteten Stollen unter der bronzezeitlichen Siedlung Zeraqōn, 40 km östlich von Gadara. Schnell stellte sich heraus, dass dieser keineswegs, wie bis dahin angenommen, dem 3. Jt. v. Chr. zuzurechnen war. Schon der Kalkstein mit glasartigen Flinthorizonten wäre mit Bronzewerkzeugen nicht zu bearbeiten gewesen. Der geräumige Querschnitt und der Verputz der Wände deuteten dagegen auf einen römischen Aquädukt hin. Weil ent- sprechende Städte in der Nähe fehlten, die dieser hätte versorgen können, musste es sich um den Teil einer Fernwasserleitung handeln.

Der Vortrieb war nicht, wie üblich, von vertikalen, sondern von mit Treppen ausgestatteten, geneigten Schächten aus erfolgt, die bereits die Erbauer zum Schutz des Wassers wieder verschlossen hatten, sodass von außen keine Spur davon zu finden war.

Erkundung und Dokumentation

Die Hypothese einer unterirdischen Fernwasserleitung von derart ungewöhnlichen Ausmaßen mündete in ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Projekt, dessen erster Schritt es war, ihren Verlauf zu finden. Um die Suche in dem 400 km² großen, unübersichtlichen Bergland einzugrenzen, wurden, ausgehend von Zeraqōn, hypothetische Trassen nach beiden Richtungen entworfen. Unterstellt man das übliche Gefälle von etwa 1 ‰, dann endete die Trasse tatsächlich in Gadara und berührte das heute unbewohnte Abila und das syrische Adra’a. Mit Hilfe des Entwurfs gelang es, über 200 meist begehbare Bauschächte (Bild 2) zu finden, sodass sich ein eindeutiges Bild vom Verlauf des Tunnels ergab.

Längster Tunnel der Antike-Abstieg

Bild 2: Abstieg in einen Bauschacht. Die hochgerechnet 2900, meist nur von innen erkennbaren, bis zu 75 m tiefen Schächte hatten Abstände von 15 bis 200 m.

Längster Tunnel der Antike-Querschnitt

Bild 3: Der Vortrieb erfolgte mit Hammer und Meißel. Erst wenn die Pilotstollen zwischen zwei Bauschächten zum Durchschlag gebracht waren, wurde auf den vollen Querschnitt erweitert.

Repräsentative Tunnelabschnitte und unterirdische Bauwerke waren nun aufzunehmen, ihre Lage und Höhe nach außen zu übertragen und die Trasse per GPS einzumessen. Dabei behinderten immer wieder Wasser, Schlamm, Sauerstoffmangel und Gase die Arbeiten. Während sich das Gebirge als standfest erwies, versperrten häufig Erdmassen eingestürzter Bauschächte den Tunnel. An anderer Stelle war der Aquädukt auf mehreren Kilometern Länge ohne Hindernisse begehbar.

Für den Bau eines Tunnels mit vertikalen Schächten lagen im 2. Jh. genügend Erfahrungen vor. Richtung und Höhenlage ließen sich mittels Lot zuverlässig nach unten übertragen. Hier jedoch scheint die antike Geodäsie an ihre Grenzen gestoßen zu sein. Denn die schrägen Schächte, die wohl die Transporte erleichtern sollten, dürften sich bei der Absteckung als außerordentlich hinderlich erwiesen haben. Das verlangte eine Bautechnik, die ein späteres Nacharbeiten erlaubte.

Nach dem örtlichen Befund versuchte man zunächst, vom Fuß der Bauschächte aus im Gegenort-Vortrieb den Durchschlag zu erreichen. War dies gelungen, dann erweiterte man auf den vollen Querschnitt (Bild 3). Erst wenn ein längerer Abschnitt fertig gestellt war, wurde die Sohle „nachgerissen“. Nur so war es möglich, das außerordentlich geringe Gefälle von 0,3 ‰ (30 cm pro Kilometer) auf dem mehr als 70 km langen östlichen Tunnelabschnitt durchzuhalten.

Wo Undichtigkeiten zu erwarten waren, wurden Wände und Sohle verputzt (Bild 4, 5). Dabei mischte man dem Mörtel gemahlene Holzkohle bei, um diesen „hydraulisch“, d. h. wasserfest und dicht zu machen. Diese Holzkohle war es, die mit der Radiocarbon-Methode eine Datierung erlaubte. Danach entstand der Aquädukt zwischen 90 und 210 n. Chr. in mehreren Phasen. Reparaturen im 5. Jh. und Sinterablagerungen deuten auf eine Betriebszeit von mindestens 300 Jahren hin.

Der ehemalige Wasserstand von 50 bis 60 cm über der Sohle konnte an vielen Stellen zuverlässig aus Sinterungen rekonstruiert werden. Daraus ergab sich ein Abfluss von rd. 300 l/s (26 000 m³/Tag).

Längster Tunnel der Antike-Innen-1
Längster Tunnel der Antike-Innen-2

Bild 4 (Links):

Der Aquädukt im dichten Kalkstein ohne Abdichtung.

An den Wänden markieren Meißelspuren die Vortriebs- richtung, Nischen dienten zum Abstellen der Öllampen.

Bild 5 (Mitte):

Bei durchlässigem Fels ist der
1,20 bis 1,60 m breite und 1,80 bis 2,70 m hohe Tunnel bis weit über die Wasserlinie mit Putz abgedichtet.

Der längste Tunnel der Antike ?

Zur Reinhaltung des Wassers waren Aquädukte immer abgedeckt und wurden meist, ähnlich der heutigen Kanalisation, in einer Baugrube hergestellt. Tunnel sind solche Bauwerke nicht, denn diese setzen einen „bergmännischen“ Vortrieb im anstehenden Fels oder Erdreich voraus. So besitzen z.B. die stadtrömischen Aquädukte nur kurze Tunnel, obwohl sie überwiegend unterirdisch verlaufen. Wo es ging, vermied man Tunnel, denn ihr Bau war teuer und langwierig. Lieber nahm man längere Strecken um Berge herum in Kauf, wo zudem Absteckung und Transporte ungleich einfacher waren. Lange antike Tunnel sind daher sehr selten. (Tab.).

Antiker Tunnel

Bauzeit

Länge [km]

Anzahl der Bauschächte

Samos, Eupalinostunnel

6. Jh. v. Chr.

1

0

Nemi-See, Emissar

6. Jh. v. Chr.

1,6

1

Albaner See, Emissar

5. Jh. v. Chr.

1,4

5

Fucino-See, Emissar

45 - 54 n. Chr.

5,7

47

Rom, Aqua Anio Novus (14 Abschnitte)

38 - 52 n. Chr.

9,3

rd. 250

Bologna, Reno-Aquädukt

30 v. Chr.

19,7

?

Gadara, Qanat Turab

Zeitenwende

ca. 22

rd. 500

Gadara, Qanat Fir’aun (4 Abschnitte)

ca. 90 - 210 n. Chr.

ca. 106

rd. 2900

Tab.: Beispiele für antike Tunnelbauten

Gemessen an den bis zum 2. Jh. gebauten Tunneln sprengte der Aquädukt von Gadara alle Maßstäbe. Umso mehr muss man den Mut bewundern, mit dem sich die römischen Baumeister an dieses Mammutprojekt heranwagten. Er ist nicht nur einer der aufwändigsten Aquädukte Roms. Seine zusammen 106 km langen Tunnelabschnitte sind auch die weitaus längsten bisher bekannten des Altertums. Mit Recht muss der Qanat Fir’aun daher als eine der bedeutendsten Ingenieurleistungen der Antike angesehen werden.

Literatur

Döring, M.:

     a)  Römische Wasserversorgungstunnel im Norden Jordaniens; Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins ZDPV,
       121/2005, S. 130-139, Tafel 9.

     b) Wasser für Gadara– römische Fernwasserleitung im Norden Jordaniens; Wasserwirtschaft 8/2007, S. 21-25.

     c) Qanat Firaun–106 km langer unterirdischer Aquädukt im nordjordanischen Bergland; Schriften der DWhG 12/2008,
           S. 189-204.

     d) Вода для Гадарьі: римский водопровод на севере Иордании; Гидросооружения 2/2008, S. 12-17.

     e) Der längste Tunnel der antiken Welt. Antike Welt 2/2009, S. 26-34.

Aquädukt der Wasserleitung zur römischen Colonia Ulpia Traiana in Xanten
aus der Luft entdeckt

Begünstigt durch die extreme Trockenheit im Frühjahr 2007 fanden Forscher der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und der Deutschen Wasserhistorischen Gesellschaft (DWhG) Spuren der römischen Wasserleitung in Kornfeldern bei Xanten. Mit Hilfe der Luftbildarchäologie untersuchen sie derzeit im Rahmen einer interdisziplinären Zusammenarbeit das Wasserversorgungssystem der römischen Colonia Ulpia Traiana (CUT) in Xanten. Dabei wird der Xantener Raum mit einem Leichtflugzeug (Cessna) in einem Radius von etwa 10 km rund um die heutige Stadt Xanten aus der Luft erkundet. Hierbei verraten zahlreiche, heute nur noch unterirdisch erhaltende Bodendenkmäler der Römer – wie beispielsweise Militärlager, Siedlungen, Wasserleitungen, Straßen und Gräberfelder – indirekt durch Wachstums-unterschiede in Getreidefeldern ihre Lage, Form und Größe. Obwohl von diesen Bauwerken selbst in der Regel infolge des mittelalterlichen Steinraubes nichts mehr erhalten ist, behält der Boden deren Form und Ausmaße, als hätte er eine Art ‚fotografisches Gedächtnis’, das er nur ganz selten und dann auch nur für eine kurze Zeitspanne preisgibt. Da der Acker mit den Aquäduktspuren inzwischen gepflügt und neu bestellt wurde, sind die Befunde wieder unsichtbar ins ‚Archiv der Erde’ zurückgekehrt.

Über die Wasserversorgung der antiken Colonia Ulpia Traiana (heute Xanten, Niederrhein) ist bisher nur wenig bekannt: Zwar wurden auf dem Gebiet der Colonia (heute Archäologischer Park Xanten – APX) bei Ausgrabungen immer wieder Brunnen gefunden, die das Rückgrat der häuslichen Versorgung gebildet haben dürften. Daneben kamen innerhalb des Stadtgebietes von Xanten und außerhalb in der Nähe des Dorfes Labbeck Reste einer Fernwasserleitung und Pfeiler eines Aquäduktes zu Tage, aber ein zusammenhängendes Konzept der Wasserversorgung dieser Stadt konnte bislang noch nicht rekonstruiert werden.

Seit geraumer Zeit beschäftigen sich Wissenschaftler der Deutschen Wasserhistorischen Gesellschaft (DWhG) unter Federführung von Dr. Chr. Ohlig (Wesel) mit der Fragestellung nach der wasserwirtschaftlichen Infrastruktur dieser bedeutenden römischen Stadt. Sie soll im Rahmen eines Forschungsprojektes untersucht werden.

Die DWhG schlägt dabei einen neuen methodischen Ansatz vor: Statt weiter auf Zufallsfunde zu warten, um dann das bisherige, sehr lückenhafte Bild ergänzen zu können, wird versucht, das Planungskonzept der antiken Baumeister nachzuvollziehen. Vereinfacht dargestellt: Wie wären römische Fachleute des beginnenden 2. Jh. n. Chr., vor die Aufgabe gestellt, für die CUT eine Wasserversorgung zu konzipieren und zu bauen, an eine derartige Aufgabe herangegangen? Welche topographischen und klimatischen Bedingungen hätten sie vorgefunden, welche Quellen hätten Wasser geliefert, welche Verbraucher hätten versorgt und welche bautechnischen Probleme hätten gelöst werden müssen?

Im Rahmen eines solchen Konzeptes, in das die bisherigen Befunde integriert sind, müssten sich Punkte ergeben, an denen es sich lohnt, gezielt weitere Untersuchungen anzusetzen. Sollten diese die bisherigen Überlegungen stützen, würden sie das Konzept verfeinern und erweitern helfen, sollten sie die bisherigen Überlegungen nicht stützen, müsste das Konzept revidiert werden.

Die Wissenschaftler der DWhG bringen in ein solches interdisziplinäres Projekt ihre ingenieurswissenschaftlichen und archäologischen Kenntnisse aus vielen anderen antiken Wasserversorgungsprojekten ein (z. B. Pergamon, Priene, Pompeji, Villa Hadriana in Tivoli usw.). Ihre bisherigen Voruntersuchungen der Xantener Wasserleitung hatten zwei Schwerpunkte: eine bautechnische und baugeschichtliche Analyse der noch vorhandenen Leitungsreste und eine wasserwirtschaftliche Analyse der antiken Versorgungssituation. Bei der bautechnischen und baugeschichtlichen Analyse stellte sich heraus, dass die Xantener Fernwasserleitung sehr wahrscheinlich eine im römischen Wasserbau einzigartige Bauweise hat. Diese besteht aus einem mehrschaligen Boden- und Wandaufbau mit einem Thermokern, der das aufgrund des geringen Gefälles der Leitung nur sehr langsam fließende Wasser in den während dieser Zeit sehr kalten Wintern vor dem Einfrieren bewahren sollte.

Die wasserwirtschaftliche Analyse ergab, dass die bisher bekannten Quellen schon für die Versorgung der Großen Thermen, geschweige denn weiterer Großnutzer kaum ausgereicht haben können. Es müssten deshalb weitere Quellen gesucht werden, deren Wasser in Kanälen auf bisher noch gar nicht in den Blick genommenen Trassen in die Colonia geflossen sein muss. Diese Trassen können aufgrund der Topographie nur an einer einzigen Stelle in einem Sammelbecken zusammengeführt worden sein. Im weiteren Verlauf der Wasserleitung muss es dann östlich der heutigen Straße zwischen Sonsbeck und Xanten (der sog. Furth“) einen mehrere Kilometer langen Aquädukt gegeben haben. Dieser Bereich war in der Antike eine fast unüberwindliche, sumpfige Senke, die nur von einer gut befestigten Militärstraße durchquert wurde. Heute ist sie trockengelegt und wird landwirtschaftlich genutzt.

Wegen der extremen Trockenheit im April 2007 waren die Ackerpflanzen insgesamt im Wachstum stark zurückgeblieben. Zusätzlich reagieren sie unter solchen extremen Bedingungen besonders stark auf unterschiedliche Bodenverhältnisse. Weil solche für die Landwirtschaft katastrophalen Verhältnisse der Luftbildarchäologie ungewöhnlich gute Bedingungen liefern, wurde Dr. Baoquan Song, Luftbildarchäologe der Ruhr-Universität Bochum, um Mithilfe gebeten.

Bei mehreren Befliegungen wurden die hypothetischen Trassen sehr genau inspiziert und fotografiert. An zwei Stellen wurden Bewuchsanomalien erkannt, die den Verlauf einer bislang unbekannten, aber vom neuen Konzept her notwendigen Wasserleitungstrasse repräsentieren könnten. Im Bereich der Furth wurde auf einem mit Gerste bestellten Acker eine signifikante Bewuchsanomalie festgestellt (s. Luft- und Bodenfoto): In einer Linie liegend erscheinen auf dem Foto zwei Abschnitte mit einer Folge von Punkten parallel zu Straße. Sie repräsentieren allem Anschein nach eine über eine Länge von mehr als 250 m reichende Pfeilerreihe des Aquäduktes.

Der in der Luft erkannte und fotografisch dokumentierte Befund wurde anschließend mit Genehmigung der Grundeigentümer und Pächter der Ackerflächen am Boden in Augenschein genommen und vermessen. Die Daten erlauben konkrete Rückschlüsse auf die Bauweise des Aquäduktes.

Ohne die spezifischen Fachkenntnisse des Luftbildarchäologen wären die hier kurz skizzierten Befunde nicht entdeckt worden. Für die weitere Forschung sind sie insofern entscheidend wichtig,

– weil eine weitere Leitungstrasse und damit die Erschließung einer weiteren, starken Quelle wahrscheinlicher wird,

– weil Maße und Form des Brückenbauwerkes über die Furth rekonstruiert werden können,

– weil seine Lage auf der Ostseite der heutigen Straße die Positionierung des vermutete Sammelbecken am Anfang des Aquäduktes zu bestätigen scheint,

– und weil außerdem die von den Wissenschaftler der DWhG aufgrund der Bauwerksanalyse entwickelte These gestützt wird, dass es sich sowohl bei dem Leitungsfragment aus Labbeck als auch dem in der Stadt am Holzweg gefundenen um Stücke eines einheitlich gebauten Leitungssystems handelt, das durch die neuen Kenntnisse von Lage und Aussehen des Aquäduktes über die Furth weitere Kontur gewinnt.

Der Fund dieses Aquäduktes zeigt, wie erfolgreich die Zusammenarbeit mehrere wissenschaftlicher Disziplinen sein kann, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: Die Fachleute für antiken Wasserbau wissen, wie die Römer ein solches Versorgungssystems geplant und gebaut haben und können relativ präzise bestimmen, wo man heute gezielt nach Hinweisen suchen muss. Aber ohne die spezifischen Fachkenntnisse des Luftbildarchäologen können diese Hinweise, die nur auf dem Umweg über Bewuchsanomalien und ihre richtige Interpretation zu finden sind, nicht entdeckt werden.

Dr. Baoquan Song (Ruhr-Universität Bochum, Institut für Archäologische Wissenschaften, Ur- und Frühgeschichte)

Dr. Christoph Ohlig (Deutsche Wasserhistorische Gesellschaft)

 

Abbildungen (im Internet unter: http://www.pm.ruhr-uni-bochum.de/pm2007/msg00190.htm)

Luftbild von der Furth, Xanten, Niederrhein, aufgenommen am 5. Mai 2007 von B. Song. Parallel zur Landstraße sind insgesamt 28 Fundamentgruben von Pfeilern als positive Bewuchsmerkmale (dunkelgrün) zu erkennen. Zwischen der Gruben und der Landstraße ist eine dunkelgrüne Linie parallel zu der Pfeiler-Reihe sichtbar, die evtl. einen der beiden römischen Straßengräben darstellt. Links von den Pfeilern erscheint der Graben eines römischen Marschlagers in recheckige Form mit abgerundeten Ecken ebenfalls als positives Bewuchsmerkmal.

Bodenbild von der Furth, aufgenommen am 28.04.2007 von Chr. Ohlig. Die Fundamentgruben kann man vom Boden aus als Getreidefarb- und Höhenunterschiede (gesundgrün und etwa 20 cm höher als die Umgebung) deutlich erkennen. Die rechteckigen Gruben reihen sich in regelmäßigen Abständen schnurgerade in einer Linie.

Weitere Forschungsprojekte:

Über weitere und teilweise vor dem Abschluss stehende oder abgeschlossene, interdisziplinäre und breit angelegte Forschungsprojekte, wie

    die traditionelle und neuzeitliche Wassergewinnung und -nutzung in den Oasen der Libyschen Wüste Ägyptens,

    die antiken Großzisternen in der Bucht von Neapel,

    die wasserwirtschaftlichen Anlagen von Bet She'an / Israel,

    die Wasserversorgung der antiken Stadt Priene / Westtürkei,

    die Wasserversorgung von Weilburg / Lahn in Hessen

wird auf Tagungen und in Veröffentlichungen der Deutschen Wasserhistorischen Gesellschaft e. V. berichtet.

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