Veranstaltungen

Veranstaltungen der DWhG – RÜCKSCHAU

21. DWhG-Fachtagung:
Das UNESCO-Weltkulturerbe Oberharzer Wasserwirtschaft

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Bild 1: Pfauenteiche und Hirschlerteich.

Das Welterbekomitee der UNESCO hat die historische Oberharzer Wasserwirtschaft (OHWW) zum Weltkulturerbe erhoben. Zum siebten Mal wird damit einem wasserbaulichen Monument diese Auszeichnung zuteil. Neben den Bewässerungssystemen von Schuschtar (Iran) und Aflaj (Oman), dem römischen Aquädukt Pont du Gard, dem Canal du Midi (beide Frankreich), dem barocken Aquädukt von Caserta (Italien) und den Schiffshebewerken am Canal du Centre (Belgien) verfügt nun auch der Oberharz über ein anerkanntes technisches Flächendenkmal von weltweiter Einzigartigkeit und internationaler Bedeutung. Erstmals wurde damit auch eine Einrichtung zur Energieerzeugung in den Rang eines Welterbes erhoben.

Aus diesem Anlass hat die DWhG am 16./17. September 2011 gemeinsam mit dem Gastgeber Harzwasserwerke GmbH (HWW), dem Oberharzer Bergwerksmuseum und der TU Clausthal zu ihrer 21. Fachtagung „Die Oberharzer Wasserwirtschaft ist UNESCO-Weltkulturerbe“ in den Betriebshof der HWW am Schacht Kaiser Wilhelm II in Clausthal-Zellerfeld eingeladen.

Bereits der Studienkreis für Geschichte des Wasserbaus, der Wasserwirtschaft und der Hydrologie, der Vorgänger der DWhG, hatte sich unter Leitung von Dr.-Ing. Martin Schmidt, seinerzeit Direktor der HWW und Mitbegründer der DWhG, 1990 auf einer Tagung im Wasserwerk an der Grane-Talsperre mit den „Historischen wasserwirtschaftlichen Anlagen im Harz“ beschäftigt. Ohne die Arbeiten, Forschungen und Veröffentlichungen von Dr. Schmidt wäre die Erhebung der Oberharzer Wasserwirtschaft zum UNESCO-Weltkulturerbe nicht möglich gewesen.

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Bild 2: Betriebshof der HWW am Schacht Kaiser Wilhelm II, mit 1040 m tiefste Erzgrube des Oberharzes.

Vorträge

Assessor jur. Renke Droste, Geschäftsführer der HWW, begrüßte die rund 80 Mitglieder und Gäste. Er erläuterte die von seinem Unternehmen übernommene Verpflichtung, die historischen Anlagen der OHWW mit ihrem Beispielcharakter für die nachhaltige Nutzung regenerativer Energiequellen zu erhalten. Walter Lampe, Bürgermeister der Samtgemeinde Oberharz, wies auf die Bedeutung des bereits seit 1992 bestehenden Welterbes ‚Bergwerk Rammelsberg’ und ‚Altstadt Goslar’ hin, nunmehr erweitert durch die OHWW und das am südlichen Harzrand gelegene Zisterzienserkloster Walkenried. Er dankte allen, die an der Erhaltung, Pflege, Finanzierung und Vermittlung der Welterbestätten beteiligt sind. Prof. Dr. Goldmann überbrachte Grüße der TU Clausthal als Mitveranstalter.

Unter Moderation von DWhG-Vorstandsmitglied Prof. Dr.-Ing. Mathias Döring schilderte einleitend Prof. Dr.-Ing. Reinhard Roseneck, Direktor der Stiftung Weltkulturerbe Harz und Initiator der Welterbestätten, Grundlagen, Weg, Elemente und Management des Antrages an die UNESCO. Neben dem Verfahrensweg berichtete Roseneck auch über die politischen Bedenken und regionalen Widerstände, die Organisation der Trägerstiftung und ihre Finanzierung.

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Bild 3: Das Burgstätter Teich- und Grabensystem um 1890, ein zentrales Element der OHWW.

Dipl.-Ing. Justus Teicke, Leiter des Betriebshofes Clausthal der HWW und verantwortlich für die bauliche Unterhaltung der OHWW, berichtete über das Praxisthema „Ein Denkmal wird betrieben“. Mit jährlichen Aufwendungen von ca. 1,3 Mio. Euro werden von den ursprünglich 149 Teichen, 500 km Gräben und 30 km Überleitungsstollen (‚Wasserläufe’) heute 65 Teiche, 70 km Gräben und 21 km Stollen ‚aktiv’, d.h. funktionstüchtig unterhalten. Die übrigen, nicht mehr in Betrieb befindlichen ‚passiven’ und teilweise bereits vor Jahrhunderten ‚abgeworfenen’ Anlagen sind in ihrem Bestand ebenso geschützt wie die ‚aktiven’ Systeme. Teicke schilderte an Beispielen wie der Sanierung von Trockenmauerwerk, der Abdichtung von Staudämmen, der Reparatur von Regulierungs- und Entlastungseinrichtungen oder der Beseitigung von Hochwasserschäden die Betreuung des Denkmals.

Dr. Wilfried Ließmann (Göttingen) gab einen Einblick in die „Huttaler Widerwaage“, eines der komplexesten Überleitungssysteme der OHWW. Mit Hilfe mehrerer Teiche, Stollen, Schächte und unterirdischer Düker wurde dort das Wasser je nach Bedarf zwischen den Teilsystemen der ‚Rosenhöfer’-‚ und ‚Burgstätter’ Reviere hin und her geführt. Nur so war es möglich, für die am höchsten gelegenen Gruben jederzeit Wasser für die Antriebe bereit zu stellen.

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Bild 4 (links): Schwarzenberger
                   Graben und Wasserlauf,
                   Elemente der Huttaler
                   Widerwaage.

Bild 5 (rechts): ‚Striegelhaus’
                           am Carler Teich.

Im zweiten, vom stellvertretenden DWhG-Vorsitzenden Prof. Dr.-Ing. Henning Fahlbusch moderierten Vortragsblock referierte Prof. Dr.-Ing. Mathias Döring über die Energieerzeugung sowie die Schifffahrt auf der ‚Tiefen Wasserstrecke’, 350 m unter Tage, für den Erztransport zum Förderschacht. Bis zu 12 m große Wasserräder, Wassersäulenmaschinen mit bis zu 59 bar Arbeitsdruck und Kraftwerke mit Fallhöhen von bis zu 365 m lieferten die Antriebsenergie für den Bergbau.

Dr. Klaus Stedingk, Geologisches Landesamt Sachsen-Anhalt, Halle/Saale, vermittelte einen Einblick in „Geologie, Lagerstätten und Bergbau des Oberharzes“. Stedingk, Betriebsgeologe des 1992 geschlossenen letzten Oberharzer Bergwerks in Bad Grund, schilderte aus erster Hand die Schwierigkeiten des komplexen Harzbergbaus, die letztlich zur Schließung der Gruben geführt hatten.

Forstdirektor Karsten Peiffer, Leiter des Forstamts Clausthal, schilderte unter dem Titel „Ohne Wald kein Bergbau – 500 Jahre Forstwirtschaft im Oberharz“ die Bedeutung des Waldes für den Bergbau im Harz und die wechselvolle Entwicklung der Holznutzung und –bewirtschaftung. So den Siegeszug der Fichte, die Einflüsse von Klima und Naturereignissen wie Orkanen oder Baumschädlingen, die Reparationsleistungen nach dem 2. Weltkrieg, Walderneuerungsprogramme und schließlich den langfristigen ökologischen Umbau der Bestände.

Der dritte Vortragsblock nach der Mittagspause unter der Moderation von DWhG-Vorstandsmitglied Dr. Norman Pohl beschäftigte sich mit „Mensch, Kultur und Landschaft“. Studiendirektor Gundermann, Vorsitzender des Oberharzer Geschichts- und Museumsvereins, schilderte die schwierige Lebenssituation der Oberharzer Bergleute vom 16. bis 19. Jh., ihre Privilegien, Einschränkungen und sozialen Verhältnisse.

Der Vortrag von Ulrich Reiff M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter am Oberharzer Bergwerksmuseum in Clausthal, dem ältesten Technikmuseum Deutschlands, war der Kultur- und Museumslandschaft Harz sowie den Ausbau- und Erweiterungsplänen des Museums im Zusammenhang mit der Ernennung der OHWW zum Welterbe gewidmet.

Dipl.-Wirtsch.-Ing. Marco Schmidt vom Energie-Forschungszentrum Niedersachsen in Goslar berichtete über Untersuchungen über die Speicherung von Windenergie durch unterirdische Pumpspeicherkraftwerke im Altbergbau.

Prof. Dr. Helmuth Albrecht, Initiator des länderübergreifenden Welterbeprojekts ‚Sächsisches und Tschechisches Erzgebirge’, berichtete über die bereits seit 10 Jahren in seinem Institut für Industriearchäologie, Wissenschafts- und Technikgeschichte an der TU Bergakademie Freiberg laufenden Vorbereitungen. Für 2013 ist der von beiden Ländern unterstützte Antrag geplant. Der Freistaat Sachsen hatte die Region bereits 1998 auf die Tentativliste (Warteliste) der UNESCO setzen lassen. Die seit den Silbererzfunden des 12. Jhs. von Bergbau und Hüttenwesen geprägte Landschaft weist zahlreiche Montandenkmale wie Bergwerke, Hochöfen und Stollen auf. Dazu kommen Wasserräder, Turbinen, Dampfmaschinen, Grubenbahnen, historische Bau-, Industrie- und Naturdenkmale und ein Umfeld, das auch Kunst, Musik und Literatur beeinflusst hat.

Der letzte Vortrag von Dipl.-Ing. Ulrich Haag befasste sich mit der bergmännischen Wasserwirtschaft und dem Bergbaumuseum Pribram in der Tschechischen Republik.

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Bild 6: Eingang in die Dorotheer Rösche

Exkursion

Die ganztägige Exkursion am 17. September begann mit zwei parallelen Veranstaltungen. Die ‚Untertage-Gruppe’ erhielt von Mitarbeitern der HWW in einer zweistündigen Führung einen Einblick in den unterirdischen Teil der OHWW durch Befahrung der Dorotheer Rösche, der Dorotheer Kehrradstube und des Caroliner Wetterschachts.  Das in eine Kaverne eingebaute, heute nicht mehr vorhandene Wasserrad mit zwei Drehrichtungen (‚Kehrrad’) trieb bis ins 19. Jh. die Fördermaschine der Grube Dorothea an. Der Wetterschacht sorgte für die Luftversorgung der Grube Caroline und durch die Rösche floss das Wasser des Rades ins Freie ab:

Die ‚Übertage-Gruppe’ wanderte zum unteren Pfauenteich, der wegen Reparaturarbeiten gerade abgelassen war. So konnte man im Teichgrund noch die Reste des alten Pfauen- (Pfaffen-) -teichs aus dem 13. Jh. erkennen. Es folgte der Mittlere und Obere Pfauenteich und einige längst ‚abgeworfene’ Gräben. Nach einem Blick in den 15 m tiefen Striegelschacht (Grundablasseinrichtung) des Hirschlerteichs, heute Haupttrinkwasserspeicher der Stadt Clausthal, ging es entlang des Dorotheer Kehrradsgrabens (der das Kehrrad der Grube Dorothea mit Wasser versorgte) zum Ausgangspunkt zurück.

Gemeinsam wurde sodann die ‚Runde Radstube’ besucht, den schachtähnlichen, 25 m tiefen und 14 m breiten Maschinenraum des Kehrrades der Grube Rosenhof. Der vor 100 Jahren zugeschüttete und inzwischen geräumte Schacht war erst vor wenigen Jahren von zwei Jugendlichen entdeckt worden. Ulrich Reiff vom Oberharzer Bergwerksmuseum, einer der beiden Entdecker, hatte die Führung übernommen, sodass die Teilnehmer auch hier Informationen aus erster Hand erhielten.

Mit zwei Reisebussen ging die Fahrt sodann zum ‚Sperberhaier Damm’, dem großen Harz-Aquädukt. Der 1 km lange und bis zu 16 m hohe Damm wurde im 18 Jh. erbaut. Er diente dazu, den 15 km langen Dammgraben, der Wasser im Brockengebiet sammelt, auf die Clausthaler Hochfläche zu führen. Der auf dem Damm verlaufende Graben war vor 40 Jahren von dem damaligen Bergbaubetreiber, der PREUSSAG, verrohrt und vor einigen Jahren von den HWW partiell wieder offen gelegt worden, sodass die Teilnehmer den ursprünglichen Zustand sehen konnten.

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Bild 7: Besichtigung am Sperberhaier Damm

Bild 8: Modell der Fahrkunst im Schacht Samson, St. Andreasberg

8 Grube Samson in St. Andreasberg, Modell einer Fahrkunst-kl

Nach dem vorzüglichen Mittagessen im Dammhaus, der ehemaligen Wohnung des Grabenwärters, folgte der Besuch des 1721 fertig gestellten Oderteichs, bis ins späte 19. Jh. die größte Talsperre Deutschlands. Die 20 m hohen Staumauer aus Granitquadern mit einer Dichtung aus Granitsand staut 1,7 Mio. m³ Wasser, das durch den 7 km langen Rehberger Graben vier Wasserkraftwerken in St. Andreasberg, darunter die beiden Hochdruckturbinen im Samsonschacht,  zugeleitet wird.

Der Samson war denn auch das letzte Ziel der Exkursion. Nach der Stilllegung des Bergwerks vor 100 Jahren waren in den Schacht in 130 und 200 m Tiefe zwei übereinander liegende Kraftwerke eingebaut worden, die bis heute Strom ins Öffentliche Netz liefern. Ein Unikat ist die weltweit einzige noch betriebsbereite Fahrkunst, mit der die Kraftwerke erreicht werden können.

Den Abschluss von Exkursion und Tagung bildete ein rustikales Abendessen im ‚Gaipel’ des Oberharzer Bergwerksmuseum, einer originalen Fördereinrichtung, die gelegentlich zu gesellschaftlichen Anlässen genutzt wird.

Die Vorträge, ausnahmslos von ausgewiesenen, mit dem Welterbe und der Oberharzer Wasserwirtschaft unmittelbar befassten Experten vorgetragen, boten in dieser umfassenden Form erstmals einen detaillierten Einblick in die vielschichtigen Zusammenhänge der Oberharzer Montanindustrie von 1520 bis 1992. Die Vorträge der Tagung werden in einem der nächsten Bände der DWhG-Schriften veröffentlicht.

W. Such/M. Döring

Veröffentlichungen zur Oberharzer Wasserwirtschaft:

Schmidt, M.
, Die Entwicklung des Oberharzer Teichdammbaues. Wasser & Boden 1/1984, 12-15.

Döring, M., Die Wasserkraftwerke im Samsonschacht in St. Andreasberg/Harz.
Wasserkraft & Energie, 3/1996, 2434.

Schmidt, M., Die Wasserwirtschaft des Oberharzer Bergbaues, Schriftenreihe der Frontinus-Ges. H. 13. 3. Auflage 2002, Harzwasserwerke, ISBN 3-00009609-4

Döring, M., Energiegewinnung durch Wasserkraft im Harz und Erzgebirge. Schriften der DWhG 3/2003, 21-46.

Harzwasserwerke, Das Kulturdenkmal Oberharzer Wasserregal – Eines der großartigen Zeugnisse des europäischen Bergbaues vor unserer Haustür (Broschüre).

Roseneck, R., Auf den Spuren des neuen UNESCO-Welterbes Oberharzer Wasserwirtschaft. Denkmalpflege in Niedersachsen 4/2010, 138-157.

Teicke, J., Döring, M., Die Oberharzer Wasserwirtschaft ist Weltkulturerbe. Korrespondenz Wasserwirtschaft 1/2011, 41-45; 2/2011, 98-104.

Teicke, J., Das Oberharzer Wasserregal – Weltkulturerbe. Das bedeutendste vorindustrielle Energieversorgungssystem der Welt. Wasser & Abfall, 9/2011, 16-21.

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