Bericht aus Wissenschaft und Forschung

Berichte über weitere und teilweise vor dem Abschluss stehende oder  abgeschlossene, interdisziplinäre und breit angelegte Forschungsprojekte finden Sie auf der Seite ”Forschungsprojekte”. Ferner wird in den Veröffentlichungen der Deutschen Wasserhistorischen Gesellschaft e. V. fortlaufend über Forschungsprojekte berichtet. Es wird daher auf die Schriftenreihe und die Mitteilungen verwiesen.

01.09.2010 - Übersicht:

1. Die Brunnenkultur von Qulban Beni Murra hat ihr Gesicht gezeigt

2. Antike Wasserbauten von Antiochia (Türkei)

3. Neuordnung der Forschung beim Deutschen Archäologischen Institut (DAI) – Zusammenarbeit mit der DWhG beim „Wasser“ im Forschungscluster 2

Die Brunnenkultur von Qulban Beni Murra hat ihr Gesicht gezeigt

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Abb. 1: Basaltstatue Dalish (Foto: H.G. Gebel)

Seit 2001 wird in dem “Eastern Jafr Joint Archaeological Project” der FU Berlin (Hans Georg K. Gebel) und der Mu’tah Universität Kerak (Hamezeh Mahasneh) die lebensfeindliche Region östlich der jordanischen Stadt Al Jafr auf vergangene Besiedlungen untersucht. Dabei wird die Wasserversorgung der alten Siedlungsplätze sowie die dazugehörige Hydrologie des Wadi al Sahab al Abyad und Wadi al Asmar, mit einer gesamten Einzugsgebietsfläche von 390 km², vom DWhG-Mitglied Patrick Keilholz untersucht.

Als Arbeitsthese wird eine neuartige Theorie verfolgt. Es wird vermutet, dass auf Grund eines Klimawandels die damals in einer steppenähnlichen und wasserreicheren Landschaft wandernde Bevölkerung ihre Lebensweise ändern musste. Nach dem Ende des Mittel-Holozänen Klimaoptimums blieben in der Region nur wenige Gunststandorte, an denen die Hirtenkultur siedeln musste, um sich mit Wasser zu versorgen. Dadurch entstand die Grundlage der Oasenwirtschaft.

Bereits 2008 wurden bei der ersten hydrologisch-wasserbaulichen Untersuchung des Gebiets von Qulban Beni Murra die bekannten Brunnenanlagen näher erforscht. Dabei wurde die Hydrologie des Wadi al Sahab al Abyad im Bereich der Siedlung dokumentiert. Es zeigte sich,  dass die Siedlung mit den Brunnen nicht willkürlich an diesem Ort Bestand hatte. Da durch den Zusammenfluss zweier Wadis und einer natürlichen Einengung des Hauptwadis ein besonders hoher Grundwasserstand an dieser Stelle erwartet wird.

Im Juni 2010 fand eine weitere Feldkampangne in der lebensfeindlichen Region statt. Den Archäologen gelang der herausragende Fund einer Basalt Statue, die aus der Zeit 4000 - 3500 v. Chr. stammt. Interessant ist, dass die Statue Kleidungsmerkmale aufweist wie sie bei der heutigen arabischen Bevölkerung üblich ist. Waren die Leute bereits vor 6000 Jahren folglich ähnlich gekleidet wie die heutigen Beduinen mit ihrer traditionellen
Kleidung?

Neben dem Sensationsfund konnte die Wasserversorgung ebenfalls weiter entschlüsselt werden. In einem Seitenwadi konnte eine weitere großflächige Ansiedlung mit vermutlich 7 Brunnen dokumentiert werden. Doch waren die Brunnen nicht die einzigen Elemente der Wasserversorgung. Die Beduinen benutzen früher wie heute natürliche Senken (Khabra), die sich nach Niederschlägen mit Wasser füllen und dadurch temporäre Flachwasserseen entstehen lassen.

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Abb. 2: Trockener Flachwassersee  im oberen Einzugsgebiet  des Wadi al Sahab al Abyad

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Abb. 3: Versandeter Brunnen im Wadi al Asmar

Darüber hinaus konnten kleinere Staubecken (Mehfar) entdeckt werden. Durch kleine Steinsetzungen wurden kleine Seitenwadis aufgestaut oder das Volumen natürlicher Senken vergrößert. Besonders erwähnenswert ist, dass vermutlich in frühester Zeit die Bevölkerung wusste in ariden Regionen Wasser effizient im Boden zu speichern. Sie nutzten Grundwasser, welches aus höher gelegenen Gebieten als Sickerströmung zu einem Staubecken transportiert wurde.

Die vielfältigen Wasserversorgungstechniken und der gute Erhaltungszustand der bis zu 6000 Jahre alten Anlagen ist ein herausragender Fund. Es bleibt zu hoffen, dass mit Hilfe des Projekts in den nächsten Jahren weitere Erkenntnisse zu den Anfängen der arabischen Oasenwirtschaft gemacht werden können.

 

Patrick Keilholz, M. Eng.

Universität der Bundeswehr München

Institut für Wasserwesen

Werner-Heisenberg-Weg 39

85577 Neubiberg

 

Antike Wasserbauten von Antiochia (Türkei)

Übersicht

Antiochia am Orontes,  gegründet um 300 v. Chr. durch Seleukos I. Nikator, einen der Nachfolger Alexanders d. Gr., galt mit Rom, Alexandria und Konstantinopel (Byzanz) als eine der vier wichtigsten Metropolen der hellenistisch-römischen Welt. Dazu trug ihre Lage am Handelsweg aus dem Zweistromland und  Innerasien bei, die in Seleukia Pieria, dem Hafen Antiochias, endete.  Die Stadt verfügte neben einem reichen Inventar an Theatern, Thermen, einem Amphitheater und einem Circus Maximus über eine weitläufige  bauliche Infrastruktur. Bedeutendste noch erhaltene Monumente sind die  mehr als 15 km lange Stadtmauer, das ”Eiserne Tor” (Aquäduktbrücke, Stadtmauer und Talsperre) sowie drei Aquädukte.

Eine Serie von Katastrophen besiegelte das Schicksal der Stadt. Den Auftakt bildete ein Großbrand im Jahr 525, gefolgt von verheerenden Erdbeben (526 und 528), bei denen die Hälfte der mehr als 500.000 Einwohner umgekommen sein soll, Über- fälle der Perser (540 und 573), gefolgt von weiteren Erdbeben und Epidemien. Zwar versuchte Kaiser Justinian (527-565) mit  Aufbauhilfen die Stadt zu retten, doch war ihr Niedergang nicht mehr aufzuhalten.

Im Vergleich zu anderen  bedeutenden Städten der Antike wurde Antiochia bis auf eine amerikanische Kampagne vor 75 Jahren kaum archäologisch bearbeitet. Mit  Förderung durch die Thyssen-Stiftung finden seit 2005 erstmals  Untersuchungen zur Infrastruktur statt, in deren Rahmen unser Mitglied  Prof. Dr.-Ing. Mathias Döring (Darmstadt) den Teil ”Wasserbauten” übernommen hat. Die Arbeiten sind noch nicht abgeschlossen.

1. Eisernes Tor

Das 40 m hohe ”Eiserne Tor” (Bild 1) ist das monumentalste noch erhaltene Wasserbauwerk und ein wesentlicher Schlüssel für die Stadtentwicklung. Schon Prokop beschreibt die Anlage im Jahr 559 als Talsperre. Sie ist bis heute in Betrieb und wird unregelmäßig etwa 20 m hoch eingestaut. Die Bauaufnahme ist nahezu abgeschlossen. Danach ergeben sich mehr als zehn Umbauten, die zu vier  Hauptbauphasen zusammengefasst werden können:

Phase 1 (Aquäduktbrücke)

Vermutlich unter Trajan/Hadrian (frühes 2. Jh. n. Chr.) entstand hier, an der engsten Stelle der Parmenios-Schlucht, eine 2,20 m breite Aquäduktbrücke aus  mörtellos vermauerten Kalksteinblöcken (Bild 3).

Phase 2 (Stadtmauer)

Als die Stadt unter  Justinian nach dem Perser-Überfall 540 verkleinert wurde und die  Stadtmauer über die Schlucht geführt werden sollte, verbreiterte man die Aquäduktbrücke durch eine 3 m breite Brücke aus Ziegelmauerwerk.

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Bild 1 (Links):
Das ”Eiserne Tor”. Die unteren 20 m bilden die Staumauer mit dem teilweise eingestürzten Bogenmauerteil.
Darüber die ebenfalls noch 20 m hohen Stadtmauer mit den beiden Hochwasser-  Überläufen, rechts die Lücke der im 20. Jh. eingestürzten Stadtmauer.

Bild 2 (Mitte):
Das nur noch teilweise erhaltene Ge- wölbe des Grundablasses von der Luft-  seite. Oben rechts die Reste der Aquä- duktbrücke, ganz oben die  Hochwasser- Überläufe.

Phase 3 (Talsperre)

Kurz danach scheint auch der Umbau zur Talsperre erfolgt zu sein. Dazu füllte man die Brückenbögen mit Opus caementicium (röm. Beton). Wasserseitig wurde eine 1,40 m starke Mauerscheibe vorgesetzt, vor der ehemaligen Öffnung der Brückenbögen zylindrisch auf 2,80 m verstärkt. Dadurch konnte ein Teil des Wasserdrucks durch die beidseitigen Mauerscheiben horizontal in den Fels abgeleitet und das relativ schlanke Kernbauwerk entlastet werden. Der 20 m hohe untere Teil des “Eisernen Tores” kann damit als einzige aus der Antike erhaltene Talsperre mit horizontaler Kraftabtragung und somit als erste Bogenstaumauer gelten.

Das Wasser wurde durch einen offenen Grundablass unter dem Bauwerk durchgeleitet (Bild 2). Außerdem dürfte ein Hochwasserüberlauf vorhanden gewesen sein. Durch ein Tor im Stadtmauerteil der rechten Talseite führte ein Weg ins obere Parmenios-Tal.

Phase 3 (Einsturz und Wiederaufbau)

Zu einem unbekannten Zeitpunkt nach dem 7. Jh., vermutlich jedoch in der Kreuzfahrerzeit, stürzte der Mittelteil der Stadtmauer über der Talsperre ein. Ursache könnte ein Erdbeben, aber auch ein zu kleiner Hochwasserüberlauf gewesen sein. Spätestens beim Wiederaufbau wurden der Aquädukt stillgelegt und zwei Hochwasserüberläufe eingebaut, gleichzeitig oder wenig später ergänzt durch drei Stützpfeiler.

Weitere Entwicklung

Später stürzte ein Teil der Bogenmauer ein, was die Gewölbewirkung stark einschränkte. Bis ins 20. Jh. wurden vor allem großformatige Fassadensteine herausgebrochen. Weil man für deren Abtransport neben dem Stadttor einen Durchbruch geschaffen hatte, brach nach 1935 der rechte Stadtmauerabschnitt zusammen. In der jüngsten Vergangenheit wurde der Grundablass durch unsachgemäße Einbauten stark eingeengt. Diese induzieren gefährliche Turbulenzen, die sich als dynamische Belastungen auf das ganze Bauwerk übertragen. Insgesamt ist das “Eiserne Tor” heute stark gefährdet.

2 Aquädukte

Wasser erhielt die Stadt durch zwei 12 km lange Aquädukte aus den Karstquellen von Daphne, deren Schüttung heute noch bis zu 2500 l/s beträgt. Der Bau des älteren Aquädukts wird Tiberius/Caligula (1. Jh. n. Chr.), der des jüngeren Trajan/Hadrian (frühes 2. Jh.) zugeschrieben.

Beide Leitungen haben den in der römischen Kaiserzeit üblichen gemauerten und verputzten Rechteckquerschnitt mit Tonnengewölbe aus Opus caementicium. In den tief eingeschnittenen Tälern finden sich teils monumentale Brücken (Bild 3), Felswände wurden in Galerien mit zahlreichen Fenstern durchquert, so oberhalb der frühchristlichen “Petrus-Kirche” aus dem 1. Jh. (Bild 4). Die Aquädukt-Querschnitte sind teilweise stark versintert, sodass die Abflüsse am Ende der Betriebszeit erheblich eingeschränkt waren.

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Bild 3: Teil der 300 m langen Brücke des unter Trajan/Hadrian erbauten Aquädukts bei Daphne. Die mächtigen Sinterungen markieren die Lage des ehemaligen Wasserkanals in 40 m Höhe über der Talsohle.

Bild 4: Galerie des hadrianischen Aquädukts oberhalb der “Petrus-Kirche”

 

Literatur zur Stadtgeschichte

Brands, G.: Orientis apex pulcher – Die Krone des Orients. Antiochia und seine Mauern in Kaiserzeit und Spätantike. Antike Welt 2/2004, S. 11-16. Hoepfner, W.: ”Antiochia die Große”, Geschichte einer antiken Stadt. Antike Welt 2/2004, S. 3-9.

Den Bericht von H. Fahlbusch über die

Neuordnung der Forschung beim Deutschen Archäologischen Institut (DAI) – Zusammenarbeit mit der DWhG beim „Wasser“ im Forschungscluster 2

können Sie sich hier als pdf-Datei herunterladen:  Neuordnung der Forschung beim DAI

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